Am 21. November findet der Event «Wirtschaftswunder» in Schaan statt. Organisator Daniel Bargetze über den umstrittenen Gast Nigel Farage.

Nigel Farage spricht in Liechtenstein am «Wirtschaftswunder». Ist Ihnen mit dem «Vater des Brexit» als Hauptreferent ein Coup gelungen?
Daniel Bargetze: Das weiss ich nicht. Er war einfach unser Wunschreferent und ich freue mich, dass es geklappt hat, ihn für einen Auftritt in Schaan zu gewinnen.

Wie fielen die Reaktionen aus?
Stärker als üblich – sowohl die positiven als auch die negativen: Während von den einen Glückwünsche kamen, dass man endlich mal jemanden eingeladen habe, der für lebhafte Diskussionen sorgt, haben andere ihr «Vaterland»-Abo gekündigt, geplante Werbeaufträge gestoppt und bereits druckfertige Interviews zurückgezogen. Leider wird hier zu wenig unterschieden: Das «Wirtschaftswunder» ist
ja kein Anlass des «Vaterlands», sondern des Vaduzer Medienhauses. Aber es war uns im Vorfeld
völlig klar, dass es Kritik geben wird.

Wie begründeten die Kritiker ihre Kündigungen und Absagen?
Farage habe gelogen, falsche Behauptungen aufgestellt und das britische Volk in die Irre geführt. Er entspreche ausserdem nicht den eigenen Wertvorstellungen und den Werten, die man vertrete. Man gebe damit einem Populisten eine Plattform, der Europa zerstöre.

Verstehen Sie diese Reaktionen?
Nein. Kritik ist natürlich erwünscht und wird gerne entgegengenommen. Aber eine Abo- oder Werbe-Kündigung wegen eines Referenten, der nicht ins eigene Weltbild passt? Bitte etwas mehr Gelassenheit. Es ist auch ein merkwürdiges Demokratieverständnis, dass man sich grundsätzlich gegen eine Debatte stellt. Das ist doch genau der Grund, warum Leute wie Farage Erfolg haben konnten: Sie wurden nicht ernst genommen, man grenzte sie zu lange aus und verweigerte den Dialog mit ihnen. Das sah man nun auch bei der Bundestagswahl in Deutschland, zu der das Nachrichtenmagazin «Spiegel» resümierte: «Merkels Politikstil, die Verweigerung der Auseinandersetzung, wurde schärfstmöglich bestraft.»

Wer hat denn so reagiert?
Da schweigt der Gentleman. Erstaunlicherweise kam es aber aus Kreisen, die ansonsten Weltoffenheit und Toleranz einfordern. Wie es scheint, endet diese Toleranz, wenn die Meinung nicht zur eigenen passt.

Was sagt das offizielle Liechtenstein zu Farage?
Offenbar hat man sich auch in Regierungskreisen über unseren Gast unterhalten und es herrschen grosse Bedenken. Ich rechne daher mit geringer Regierungsbeteiligung. Im Übrigen auch eine interessante Feststellung: Für Gute-Laune-Fotos mit internationalen Politiker-Kollegen steht man immer gerne zur Verfügung. Sobald ein etwas heisseres Eisen auftaucht, will sich niemand die Finger verbrennen. Dabei heisst es doch bei jeder Gelegenheit seitens der Politik, man müsse neue Wege wagen, Mut zeigen und auch einmal andere Ideen und Meinungen zulassen.

Also ist die Verpflichtung von Nigel Farage mehr als eine Provokation?
Es hat überhaupt nichts mit Provokation zu tun. Ich habe letztes Jahr an dieser Stelle gesagt: Das Schlimmste an solchen Veranstaltungen ist es, wenn alle einer Meinung sind. Diesem Vorwurf sah sich letztes Jahr beispielsweise das renommierte St. Gallen Symposium an der HSG ausgesetzt. Ulrich Thielemann, ein ehemaliger und in Ungnade gefallener HSG-Professor, reklamierte, dass es an der Veranstaltung zu wenig Meinungsvielfalt gebe. Letztes Jahr zeigten wir am Wirtschaftswunder den Kontrast zwischen digitaler Zukunft und bodenständiger Wirtschaft. Diesen Weg gehen wir konsequent weiter und zeigen dieses Jahr das Spannungsfeld zwischen Europa-Gegnern und Europa-Befürwortern. Das Thema «Brexit» ist schliesslich hochaktuell und brisant.

Was erwarten Sie von Nigel Farage?
Ich will Zeuge werden, wie Farage live wirkt, wie er auf kritische Fragen reagiert und was er zur aktuellen
Situation der Brexit-Umsetzung sagt. Er wird ja keine Rede halten, sondern von SRF-Journalist Florian Inhauser interviewt. Der freut sich schon, ihm auch die sehr unbequemen Fragen zu stellen. Das war
unsere Bedingung und Nigel Farage war damit vorbehaltlos einverstanden.

Warum eigentlich Farage?
Gegenfrage: Wer sonst? Farage ist ein Europa-Kritiker, der nicht in einem extremen Milieu zu verorten ist. Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schrieb über ihn: «Auch er spielt mit den Ressentiments der Bürger, aber er bremst sie, wo sie die Schwelle zum Rassismus überschreiten.» Ausserdem hat er einen Leistungsausweis: Er kämpfte seit
25 Jahren für den Austritt Grossbritannies aus der EU und hat letztes Jahr dieses Ziel erreicht.

Um einen Ausgleich zu schaffen, haben Sie einen «Gegenredner» engagiert: Theo Waigel. Warum ihn? Ist er nicht schon zu weit weg von der Tagespolitik?
So könnte man sich täuschen. Er ist gerade in diesen Zeiten ein sehr gefragter Redner und ist weiterhin sehr bewandert in diesem Thema. Als Mitbegründer des Euro war er zudem massgeblich an der Schaffung der Währungsunion in seiner heutigen Form beteiligt. Rhetorisch kann er Nigel Farage das Wasser reichen, weil auch er kein Technokrat ist und die Menschen abholen kann. Ausserdem hat er den Bonus des «Elder Statesman», was ihm mit seinen Verdiensten rund um Europa eine besondere Autorität einräumt.

Ein Abend, der wenig mit Liechtenstein und der Region zu tun hat.
Im Gegenteil – der Abend hat sehr viel mit Liechtenstein zu tun. Bester Beweis: Die Regierung hat per Juni dieses Jahres eine Brexit-Fachstelle ins Leben gerufen. Aussenministerin Aurelia Frick sagte damals: «Der Austritt Grossbritanniens aus der EU ist auch für Liechtenstein von Bedeutung. Das gilt insbesondere für unsere Industriebetriebe, die auf der Insel stark vertreten sind.» Der Politologe Christian Frommelt, der die Fachstelle leitet, wird am Wirtschaftswunder einen Programmpunkt bestreiten und aus erster Hand über die Verhandlungen der EU mit den Briten sowie die Abstimmung mit den EWR/EFTA-Staaten berichten.

Nicht nur der Brexit wird Thema sein. Traditionell wird von einer Jury auch ein Preis für das Lebenswerk ausgelobt. Weiss man hier schon mehr?
Der Gewinner steht noch nicht fest. Die Jury macht sich aber Gedanken, ob sich das Europa-Thema auch in der Lebenswerk-Auszeichnung wiederfinden soll. Wir haben in der Region da einige Persönlichkeiten, die  sich um die Integration Liechtensteins in Europa sehr verdient gemacht haben – das wird heute wie selbstverständlich wahrgenommen. Beim 20-Jahr-Jubiläum des EWR-Beitritts gab es kaum negative Stimmen. Blendet man aber in den Abstimmungskampf um den EWR zurück, war es keineswegs klar, dass Liechtenstein diesen Weg beschreitet. Prominente Gegner erhoben ihre Stimme dagegen. Der Brexit hat neuerlich gezeigt, dass die Europäische Union keine Selbstverständlichkeit ist und wir in Liechtenstein dankbar sein können, dass der Weg in den EWR beschritten wurde.

Persönlich

Der Schellenberger Daniel Bargetze, Jahrgang 1983, ist Geschäftsführer der Vaduzer Medienhaus AG. Das Medienhaus organisiert jedes Jahr im Herbst mit dem «Wirtschaftswunder» (früher: «Wirtschftsforum») eine Wirtschaftstagung in Liechtenstein.

«Wirtschaftswunder» präsentiert von FL1

Das «Wirtschaftswunder» findet dieses Jahr am 21. November, ab 17.30 Uhr im SAL in Schaan statt. Die Referenten sind «Mr. Brexit» Nigel Farage, der Euro-Gründervater Theo Waigel sowie Christian Frommelt, der die Arbeit der Brexit-Fachstelle der Regierung vorstellt. Ausserdem wird eine verdiente Persönlichkeit für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Tickets für den Abend sind im Internet unter: www.wirtschaftswunder.li und im Vaduzer Medienhaus, Lova Center, Vaduz, erhältlich.